Freelancer bei CONTIO.tech - Ich habe es 3 Monate für Euch getestet.

CONTIO.tech und VACO LLC: Meine Erfahrung mit Scheinselbstständigkeit und Vergeltungskündigung

Als ehemaliger Freelancer - externer Google Mitarbeiter (XWF) für CONTIO.tech, einem Subunternehmen von Google, habe ich aus erster Hand erlebt, wie problematisch die Geschäftspraktiken in dieser Branche sein können. Ich wurde wie ein Angestellter behandelt, obwohl ich offiziell als Selbstständiger geführt wurde – ein klassischer Fall von Scheinselbstständigkeit. Als ich dies meldete, wurde mein Vertrag als Vergeltungsmaßnahme gekündigt. In diesem Artikel schildere ich meine Erfahrung und erkläre, warum dieses Modell nicht nur unethisch, sondern in vielen Ländern auch illegal ist.

 

CONTIO.tech und VACO LLC – Wer sind diese Unternehmen?

CONTIO.tech ist ein Business Process Outsourcing (BPO)-Dienstleister, der sich auf mehrsprachige Inhaltsüberprüfung, Moderation und Kundenbetreuung spezialisiert hat. Sie werben mit Content Curation, Trust & Safety Content und Content & Data Labeling für generative KI. Laut eigener Aussage führen sie jährlich über 27 Millionen Inhaltsüberprüfungen durch und arbeiten in mehr als 20 Sprachen.

VACO LLC hingegen beschreibt sich als "End-to-End Talent- und Lösungspartner". Sie sind ein globales Unternehmen für Personalvermittlung, Vertragsarbeit und Executive Search. Zudem bieten sie Managed Services mit On-, Near- und Offshore-Kapazitäten an. In den letzten Jahren wurde VACO als eines der am schnellsten wachsenden Personalvermittlungsunternehmen gelistet.

Beide Unternehmen arbeiten als Subunternehmer für große Technologieunternehmen wie Google – und genau hier beginnt das Problem.

Meine Erfahrung mit Scheinselbstständigkeit

Als ich bei CONTIO.tech als Freelancer begann, war mir zunächst nicht bewusst, dass mein Arbeitsverhältnis rechtlich problematisch sein könnte. Doch schnell wurde mir klar, dass meine "Selbstständigkeit" nur auf dem Papier bestand. Hier einige der zentralen Merkmale meiner Tätigkeit:

  • Ich erhielt ein Chromebook vom Auftraggeber, um meine Arbeit auszuführen – ein klares Zeichen dafür, dass ich nicht wirklich unabhängig war.

  • Feste Arbeitszeiten wurden strikt vorgeschrieben. Ich konnte meine Arbeitszeit nicht frei einteilen, sondern musste mich an die vorgegebenen Zeiten halten.

  • Feste und monatliche Vergütung – statt projektbasierter Bezahlung erhielt ich ein festes Gehalt von 1.700 USD, genau wie ein Angestellter.

  • Geografische Beschränkung – ich durfte nur aus bestimmten Ländern arbeiten, was meine angebliche unternehmerische Freiheit stark einschränkte.

  • Klare Anweisungen und Subordination – mir wurde genau vorgegeben, wie ich meine Arbeit zu erledigen hatte, ohne jeglichen Handlungsspielraum.

All diese Faktoren sind klassische Indikatoren für Scheinselbstständigkeit. In vielen Ländern, darunter Polen und Deutschland, ist dies illegal und kann sowohl für den Auftraggeber als auch für den "Freelancer" schwerwiegende rechtliche Konsequenzen haben.

Vergeltungskündigung nach meiner Beschwerde

Nachdem mir die Problematik meiner Situation bewusst wurde, meldete ich meine Bedenken. Ich wies darauf hin, dass mein Arbeitsverhältnis in Wahrheit eine abhängige Beschäftigung war und unter das polnische Arbeitsrecht fallen müsste. Doch anstatt meine Bedenken ernst zu nehmen oder meine Anstellung legal anzupassen, wurde mein Vertrag kurzerhand gekündigt.

Vergeltungskündigungen sind besonders problematisch, da sie nicht nur unfair, sondern auch rechtlich angreifbar sind. Die Europäische Union hat mit der Whistleblower-Richtlinie (EU 2019/1937) einen Schutzmechanismus eingeführt, um genau solche Fälle zu verhindern. In Deutschland wurde diese Richtlinie mit dem Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) umgesetzt, das Kündigungen als Vergeltungsmaßnahme gegen Hinweisgeber untersagt.

Rechtliche Einordnung der Scheinselbstständigkeit

In Polen, wo ich für CONTIO.tech tätig war, gibt es klare gesetzliche Regelungen zur Abgrenzung zwischen Selbstständigkeit und abhängiger Beschäftigung. Laut polnischem Arbeitsrecht liegt eine abhängige Beschäftigung vor, wenn:

  1. Der Arbeitnehmer Weisungen des Arbeitgebers befolgen muss.

  2. Der Arbeitnehmer in die Arbeitsorganisation des Unternehmens eingegliedert ist.

  3. Der Arbeitnehmer kein eigenes wirtschaftliches Risiko trägt.

  4. Der Arbeitgeber die Arbeitsmittel zur Verfügung stellt.

Da all diese Punkte auf meine Tätigkeit zutrafen, hätte ich eigentlich als regulärer Angestellter eingestellt werden müssen – mit den entsprechenden Sozialleistungen und Arbeitnehmerrechten.

Was bedeutet das für andere Betroffene?

Ich bin nicht der Einzige, der solche Erfahrungen gemacht hat. Viele Unternehmen nutzen Freelancer-Modelle, um Arbeitsgesetze zu umgehen und Kosten zu sparen. Betroffene sollten sich ihrer Rechte bewusst sein und aktiv werden, wenn sie den Verdacht haben, dass sie in einer Scheinselbstständigkeit arbeiten.

Wenn du dich in einer ähnlichen Situation befindest, empfehle ich dir:

  1. Dokumentiere alles – E-Mails, Verträge, Arbeitsanweisungen und andere Beweise für deine Tätigkeit.

  2. Informiere dich über deine Rechte – Je nach Land gibt es unterschiedliche Regelungen zur Scheinselbstständigkeit.

  3. Suche rechtliche Beratung – Ein Arbeitsrechtsanwalt kann prüfen, ob du als Angestellter gelten solltest.

  4. Melde den Fall an zuständige Behörden – In der EU gibt es mittlerweile Schutzmechanismen für Whistleblower.

  5. Vermeide übereilte Kündigungen – Kündige nicht einfach, ohne deine rechtliche Lage genau zu prüfen.

Fazit

Meine Erfahrung mit CONTIO.tech und VACO LLC zeigt, dass Scheinselbstständigkeit in der digitalen Arbeitswelt ein ernstes Problem darstellt. Unternehmen umgehen durch dieses Modell nicht nur Arbeitsgesetze, sondern setzen auch ihre "Freelancer" erheblichen Risiken aus. Es ist wichtig, dass Betroffene sich informieren, wehren und gegebenenfalls rechtliche Schritte einleiten.

Ich hoffe, dass mein Bericht anderen hilft, sich besser zu schützen und ihre Rechte einzufordern. Es wird Zeit, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen und faire Arbeitsbedingungen für alle schaffen.

 

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